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Vor zehn Jahren hatte ich das Glück, einem Yaqui-Indianer aus dem Nordwesten Mexikos zu begegnen. Ich nenne ihn Don Juan. Ich war, wie wahrscheinlich jedermann, dazu erzogen worden, den Menschen als ein im wesentlichen schwaches und fehlbares Geschöpf anzusehen. Was mich bei Don Juan beeindruckte, war die Tatsache, daß er nicht im geringsten schwach und hilflos war. Vor einem meiner Besuche bei ihm war ich recht unglücklich über den ganzen Verlauf meines Lebens und über eine Reihe bedrückender persönlicher Konflikte gewesen. Als ich bei ihm eintraf, war ich verstimmt und nervös. Wir sprachen über meine große Wißbegierde; aber, wie üblich bewegten wir uns auf verschiedenen Ebenen.
Weißt du etwas von der Welt, die dich umgibt? fragte er. Ich weiß alles mögliche, sagte ich. Ich meine, fühlst du überhaupt die Welt, die dich umgibt? Ich fühle soviel von der Welt, wie ich nur kann. Das ist nicht genug. Du mußt alles fühlen, sonst verliert die Welt ihren Sinn. Ich brachte das klassische Argument vor, ich müsse nicht erst die Suppe kosten, um das Rezept zu kennen, und ich müsse mir keinen elektrischen Schlag verpassen, um etwas über die Elektrizität zu wissen. Du verdrehst meine Worte, sagte er. Soweit ich sehe, versuchst du, an deinen Argumenten festzuhalten, obwohl sie dir nichts einbringen. Du möchtest da bleiben, wo du bist, sogar auf Kosten deines Wohlergehens. Ich weiß nicht, wovon du sprichst. Ich spreche über die Tatsache, daß du nicht vollkommen bist. Du hast keinen Frieden. Diese Feststellung ärgerte mich. Ich fühlte mich angegriffen. Ich fand, ihm stehe es bestimmt nicht zu, über meine Handlungsweisen oder meine Persönlichkeit zu urteilen. Du quälst dich mit Problemen ab, sagte er. Warum? Ich bin nur ein Mensch, Don Juan, sagte ich verdrießlich. Diese Bemerkung machte ich in der gleichen Tonart, die mein Vater dabei anzuschlagen pflegte. Immer wenn er sagte, er sei schließlich auch nur ein Mensch, meinte er stillschweigend, daß er schwach und hilflos sei, und seine Bemerkung war, wie die meine, von unendlicher Hoffnungslosigkeit erfüllt. Du denkst zuviel über dich nach, sagte Don Juan lächelnd. und das gibt dir eine so eigenartige Müdigkeit, die dich dazu bringt, dich von der Welt, die dich umgibt, abzuschließen und dich an deine Argumente zu klammern. Deshalb hast du nichts als Probleme. Ich bin auch nur ein Mensch, aber ich meine dies nicht in dem Sinn, wie du es meinst. Wie meinst du es? Ich habe meine Probleme überwunden. Schade, daß mein Leben so kurz ist, daß ich nicht alles haben kann, was ich möchte. Aber ich mache mir deswegen keine Sorgen; es ist halt nur bedauerlich. Der Ton, in dem er dies sagte, gefiel mir. Er war frei von Verzweiflung oder Selbstmitleid. --- Es ist möglich zu beharren, stur zu beharren, auch wenn wir wissen, daß es sinnlos ist, was wir tun. Allerdings müssen wir dabei im voraus wissen, daß unser Tun sinnlos ist, und dennoch so handeln, als wüßten wir es nicht. Das ist die kontrollierte Torheit. Bei wem übst Du die kontrollierte Torheit aus, Don Juan? Bei jedem. Und wann übst du sie aus? Immer wenn ich handle. Meine Handlungen sind aufrichtig, aber sie sind nur die Handlungen eines Schauspielers. Aber das kann doch nicht wahr sein, wandte ich ein, das würde heißen, daß im Grunde nichts an dich herankommt und daß dir an keiner Sache und keiner Person wirklich liegt. Wenn dir nichts nahegeht, wie kannst du dann weiterleben? Vielleicht kann man es nicht erklären, sagte er. Dir gehen bestimmte Dinge in deinem Leben nahe, weil sie wichtig sind. Deine Handlungen, wie auch die Handlungen deiner Mitmenschen im allgemeinen, erscheinen dir wichtig, weil du gelernt hast, sie wichtig zu nehmen. Wir lernen, über alles nachzudenken, und dann üben wir unsere Augen darin, die Dinge so zu sehen, wie wir über sie denken. Wir schauen uns an und sind im voraus überzeugt, daß wir wichtig sind. Darum müssen wir uns wichtig vorkommen! --- Glaubst du, ich kann meinen Willen üben, indem ich mir zum Beispiel bestimmte Dinge versage? Zum Beispiel das Fragenstellen? warf Don Juan in schadenfrohem Ton ein. Nein, wenn du dir etwas versagst, so ist das ein Sichgehenlassen, und so etwas würde ich dir nicht empfehlen. Das ist der Grund, warum ich dich so viele Fragen stellen lasse, wie du nur willst. Wenn ich dir befehlen würde, mit deinen Fragen aufzuhören, dann würdest du durch deine Bemühungen vielleicht deinen Willen verbiegen. Sich etwas zu versagen ist bei weitem die schlimmste Form des Sichgehenlassens; es zwingt uns zu glauben, wir täten große Dinge, während wir in Wirklichkeit nur auf uns selbst fixiert sind. --- Seit Jahren versuche ich aufrichtig, deinen Lehren entsprechend zu leben, sagte ich. Offenbar ist es mir nicht gelungen. Wie kann ich es jetzt besser machen? Ich glaube, du sprichst zu viel. Du mußt aufhören, mit dir selbst zu sprechen. Was willst du damit sagen? Du sprichst zuviel mit dir selbst. Darin bist du nicht der einzige. Jeder von uns tut das. Wir führen ständig ein inneres Gespräch. Wir sprechen über unsere Welt. Tatsächlich halten wir unsere Welt mit unserem inneren Gespräch aufrecht. Wie tun wir das? Wann immer wir aufhören, mit uns zu sprechen, ist die Welt stets so, wie sie sein sollte. Wir erneuern sie, wir stecken sie mit Leben an, wir halten sie aufrecht mit unserem inneren Gespräch. Und nicht nur das, wir wählen auch unsere Wege, indem wir mit uns selbst sprechen. Aber wir wiederholen dieselbe Wahl immer wieder bis zu dem Tag, an dem wir sterben, weil wir immer und immer wieder, bis zu dem Tag, an dem wir sterben, dasselbe innere Gespräch führen. Du solltest dir dessen bewußt sein und dich bemühen, dieses Gespräch einzustellen. Wie kann ich aufhören, mit mir selbst zu sprechen? Vor allem mußt du deine Ohren benutzen, um deinen Augen etwas von ihrer Bürde zu nehmen. Wir sind von Geburt an gewöhnt, unsere Augen zu benutzen, um die Welt zu beurteilen. Wir sprechen mit anderen wie mit uns selbst hauptsächlich über das, was wir sehen. Don Juan lachte und sagte, er wolle damit nicht sagen, daß ich die Sache übers Knie brechen müsse und daß das Horchen auf die Geräusche der Welt allmählich und mit viel Geduld geübt werden müsse. Du solltest dir bewußt sein, daß die Welt sich verändert, sobald du aufhörst, mit dir zu sprechen. Was meinst du damit? Die Welt ist so-und-so, nur weil wir uns sagen, daß sie so-und-so ist. Wenn wir aufhören, uns zu sagen, daß die Welt so-und-so ist, dann wird die Welt aufhören, so-und-so zu sein. Ich verstehe dich wirklich nicht. Dein Problem ist, daß du die Welt mit dem verwechselst, was die Leute tun. Auch damit stehst du nicht allein da. Jeder von uns tut das. Die Dinge, die die Leute normalerweise tun, sind Schilde gegen die uns umgebenden Kräfte. Was wir als Menschen tun, gibt uns Bequemlichkeit und Macht, so daß wir uns sicher fühlen. Was die Leute tun, ist mit Recht sehr wichtig, aber nur als ein Schild. Wir lernen nie, daß die Dinge, die wir tun, nur Schilde sind, und wir lassen sie über unser Leben herrschen und über uns herfallen. Tatsächlich könnte ich sagen, daß das, was die Leute tun, für die Menschheit größer und wichtiger ist als die Welt selbst. Was nennst du die Welt? Die Welt ist alles, was du hier siehst, sagte er und stampfte auf den Boden. Leben, Tod, Menschen und alles andere um uns her. Die Welt ist unbegreiflich. Wir werden sie nie verstehen; wir werden nie ihre Geheimnisse entschlüsseln. Wir müssen sie nehmen als das was sie ist, als reines Wunder! Aber ein durchschnittlicher Mensch tut das nicht. Für ihn ist die Welt nie ein Wunder, und wenn er alt ist, dann ist er überzeugt, daß es für ihn nichts mehr gibt, wofür er leben kann. Ein alter Mann hat die Welt nicht ausgeschöpft. Er hat nur ausgeschöpft, was die Leute tun. Aber in seiner törichten Verblendung glaubt er, die Welt habe keine Wunder mehr für ihn. Welch erbärmlichen Preis zahlen wir für unsere Schilde! Du solltest dir dieser Verblendung bewußt sein und lernen, die Dinge richtig zu sehen. Die Dinge, die Menschen tun, können niemals wichtiger sein als die Welt. Darum ist die Welt ein unendliches Wunder und das, was die Leute tun, eine endlose Torheit. Carlos Castaneda, A Separate Reality. Further Conversations with Don Juan, 1971 zurück ins Kaminzimmer |
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