Ich will Ihnen von einer anderen Begegnung erzählen, die ich im vorigen Jahr hatte. Hier lag ein höchst merkwürdiger Fall vor, um so merkwürdiger, als dergleichen nur äußerst selten vorzukommen pflegt. Der Mann war einmal mit mehreren anderen aufs Schafott geführt worden, wo ihm sein Todesurteil verlesen wurde: er sollte wegen eines politischen Verbrechens füsiliert werden. Nach etwa zwanzig Minuten wurde ihnen ihre Begnadigung verkündigt und eine weniger harte Strafe zuerkannt. Aber in den zwanzig oder doch mindestens fünfzehn Minuten zwischen den zwei Urteilsverkündigungen hatte er doch die feste Überzeugung gehabt, daß er in wenigen Minuten plötzlich sterben müsse. Ich mochte ihm furchtbar gerne zuhören, wenn er mitunter von seinen damaligen Eindrücken berichtete, und versuchte ihn immer wieder auszufragen. Er hatte alles ungemein deutlich in der Erinnerung und behauptete, er werde von dem damals Erlebten nie auch nur die geringste Kleinigkeit vergessen.

Etwa zwanzig Schritt vom Schafott, um das sich Volk und Soldaten drängten, waren drei Pfähle in den Boden gerammt, denn es waren ja mehrere Verbrecher. Die ersten drei wurden vor die Pfähle gestellt, festgebunden, man zog ihnen das Totenkleid an - das ist ein langer weißer Kittel -, zog ihnen weiße Kapuzen über die Augen, damit sie die Gewehre nicht sähen; dann stellte sich vor jedem Pfahl ein Kommando von mehreren Soldaten auf. Mein Bekannter war der achte in der Reihe, also wäre er mit der dritten Gruppe an den Pfahl gekommen. Der Priester ging mit dem Kreuz die Reihe entlang. Etwa fünf Minuten hatten sie noch zu leben, nicht mehr. Und er erzählte, diese fünf Minuten seien ihm wie eine Unendlichkeit vorgekommen, er habe sich für ungeheuer reich gehalten; er habe geglaubt, er könne in diesen fünf Minuten noch so viele Leben durchleben, daß er jetzt noch gar nicht an den letzten Augenblick zu denken brauche; er teilte sich die Zeit genau ein: erst wollte er von den Genossen Abschied nehmen; dafür setzte er zwei Minuten an, die folgenden zwei Minuten wollte er dazu verwenden, ein letztesmal still nachzudenken; in der letzten Minute wollte er dann noch einmal rings um sich schauen. Er erinnerte sich genau, daß er gerade diese drei Dinge vorhatte und die Zeit so eingeteilt hatte. Er war siebenundzwanzig Jahre alt, als er sterben sollte, gesund und kräftig. Er erinnerte sich noch, wie er beim Abschied von den Genossen an einen von ihnen eine recht nebensächliche Frage richtete, und daß die Antwort ihn lebhaft interessierte. Als er den Genossen Lebewohl gesagt, kamen die zwei Minuten, die er dazu bestimmt hatte, still nachzudenken; er wußte schom im voraus, was er denken werde: er wollte sich möglichst klar vorstellen, wie es möglich sei, daß er jetzt noch da sei und lebe, nach drei Minuten aber nur noch ein Etwas sein werde. Wer, was, wo wird er denn sein? Alles das wollte er in jenen zwei Minuten entscheiden! In der Nähe befand sich eine Kirche, und ihre vergoldete Kuppel glitzerte im hellen Sonnenschein. Er erinnerte sich, daß er starr auf diese Kuppel und auf die Strahlen, die sie zurückwarf, geblickt hatte, daß er sich von ihnen gar nicht losreißen konnte: es war ihm, als müßten diese Strahlen sein neues Wesen sein, als müßte er nach drei Minuten auf irgendeine Weise mit ihnen verschmelzen... Die Ungewißheit und das Grauen vor diesem Neuen, das gleich kommen mußte, waren entsetzlich; er sagte aber, daß ihn nichts in diesem Augenblick mehr quälte als der beständige Gedanke: Wie, wenn ich nicht zu sterben brauchte! Wenn ich ins Leben zurückkehren könnte - welch eine Unendlichkeit täte sich da vor mir auf! Und alles das wäre mein! Ich würde aus jeder Minute eine ganze Ewigkeit machen, ich würde nichts verlieren, würde jeden Augenblick zählen, keinen einzigen nutzlos vergeuden! Er sagte, dieser Gedanke habe ihn zuletzt in eine derartige Wut gebracht, daß er schließlich wünschte, man möchte ihn doch schneller totschießen.

Fjodor M. Dostojewskij, „Der Idiot“, 1868


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