Wir hatten vereinbart, uns in der Wohnung zu treffen und einen Cocktail zu trinken, bevor wir weggingen. Ich wollte sie in ein sehr elegantes Restaurant führen und erwartete Isabel entsprechend gekleidet zu sehen; neben all den aufgeputzten Faruen wollte sie bestimmt nicht verblassen. Aber sie trug ein einfaches Wollkleid. „Gray hat wieder Kopfschmerzen“, sagte sie. „Er leidet schrecklich. Ich kann ihn unmöglich allein lassen.“ „Liegt Gray im Bett?“ „Nein, er will sich nie niederlegen, wenn er seine Kopfschmerzen hat. Es wäre das einzig Richtige für ihn, aber er will eben nicht.“

Gray saß gekrümmt in einem großen Lederfauteuil, rund um ihn waren illustrierte Zeitschriften auf dem Boden verstreut. Seine Augen waren geschlossen, und sein sonst so rotes Gesicht war fahlgrau. Er hatte offenbar große Schmerzen. Er versuchte aufzustehen, aber ich hielt ihn zurück. „Haben sie ihm ein Aspirin gegeben?“ fragte ich Isabel. „Das nützt nie etwas. Ich habe ein amerikanisches Präparat, aber auch das hilft ihm nicht.“

Die Tür öffnete sich leise, und Larry trat ein. Isabel sagte ihm, was los sei. „Ach, das tut mir leid“, erwiderte er mit einem bedauernden Blick auf Gray. „Und gibt es nichts, was ihm helfen kann?“ „Nichts“, sagte Gray, die Augen noch immer geschlossen. „Das einzige was ihr für mich tun könnt, ist, mich allein zu lassen. Geht und unterhaltet euch gut.“ „Willst du mich nicht versuchen lassen, ob ich dir helfen kann?“ fragte Larry. „Mir kann keiner helfen“, sagte Gray schwach. „Es bringt mich um, und manchmal wünsche ich, es wäre so.“

„Ich hatte unrecht, zu sagen, daß ich dir vielleicht helfen kann. Was ich meinte, war, daß ich vielleicht helfen kann, daß du dir selbst hilfst.“ Gray öffnete langsam die Augen und sah Larry an. „Wie kannst du das fertigbringen?“ Larry zog etwas aus der Tasche, was wie eine Silbermünze aussah, und legte es in Grays Hand. „Schließ deine Finger fest und halte die Handfläche nach unten. Wehr dich nicht gegen mich. Unternimm keine Anstrengung, aber halte die Münze fest in der geballten Faust. Bevor ich bis zwanzig gezählt habe, wird sich deine Hand öffnen, und die Münze wird herausfallen.“

Gray tat, wie ihm geheißen. Larry setzte sich an den Schreibtisch und begann zu zählen. Isabel und ich blieben stehen. Eins, zwei, drei, vier. Bis fünfzehn war keine Bewegung an Grays Hand wahrzunehmen, dann schien sie ein wenig zu zittern, und ich hatte den Eindruck - ich kann kaum sagen, ich hätte es gesehen -, daß die geballten Finger sich regten. Der Daumen löste sich von der Faust. Ich sah die Finger deutlich zittern. Als Larry bei neunzehn war, fiel die Münze aus Grays Hand und rollte vor meine Füße. Ich hob sie auf und betrachtete sie. Sie war schwer und unförmig, und auf der einen Seite trug sie in Hochrelief einen jugendlichen Kopf, in dem ich den Alexanders des Großen erkannte. Gray starrte perplex auf seine Hand. „Ich habe die Münze nicht fallen lassen“, sagte er. „Sie ist von selbst gefallen.“

Sein rechter Arm ruhte auf der Armlehne des Lederfauteuils. „Sitzt du bequem in diesem Stuhl?“ fragte Larry. „So bequem ich sitzen kann, wenn mein Kopf so höllisch schmerzt.“ „Nun entspann dich vollständig. Mach es dir bequem. Tu nichts. Leiste keinen Widerstand. Bevor ich bis zwanzig gezählt habe, wird sich dein rechter Arm von der Armlehne heben, bis deine Hand über deinem Kopf ist. Eins, zwei, drei, vier.“ Er zählte langsam mit seiner glockenhellen, melodischen Stimme, und als er bei neun war, sahen wir, wie Grays Hand sich kaum merklich hob, bis sie etwa einen Zoll über der Armlehne war. Das dauerte etwa eine Sekunde lang. „Zehn, elf, zwölf.“ Es gab einen kleinen Ruck, und dann begann sich der ganze Arm aufwärts zu bewegen. Er ruhte nicht mehr auf dem Stuhl. Isabel griff, ein wenig verängstigt, nach meiner Hand. Es war eine seltsame Wirkung. Es sah nicht wie eine willkürliche Bewegung aus. Ich hatte nie einen Mann nachtwandeln gesehen, aber ich kann mir vorstellen, daß er sich auf ebenso seltsame Art bewegen würde wie Grays Arm. Es sah nicht aus, als sei der Wille die treibende Kraft. Meiner Meinung nach wäre es sehr mühsam gewesen, den Arm mit bewußter Anstrengung so langsam und gleichmäßig zu heben. Man hatte den Eindruck, daß eine unbewußte Kraft, vom Geist unabhängig, ihn hob. Es war die gleiche Art von Bewegung wie die eines Kolbens, der sich in einem Zylinder langsam hin und her bewegt. „Fünfzehn, sechzehn, siebzehn.“ Die Worte fielen, langsam, langsam, wie Wassertropfen aus einem defekten Hahn. Grays Arm hob sich, hob sich, bis seine Hand über dem Kopf war, und als Larry bei zwanzig hielt, sank der Arm durch sein eigenes Gewicht wieder auf die Armlehne des Stuhls.

„Ich habe meinen Arm nicht gehoben“, sagte Gray, „ich konnte ihn nicht daran hindern. Er tat es von selbst.“ Larry lächelte ein wenig. „Das ist belanglos. Es sollte dir nur Vertrauen zu mir geben. Wo ist die griechische Münze?“ Ich gab sie ihm. „Halt sie in der Hand.“ Gray nahm sie. Larry sah auf seine Uhr. „Es ist jetzt dreizehn Minuten nach acht. In sechzig Sekunden werden deine Lider so schwer werden, daß du sie schließen mußt, und dann wirst du schlafen. Du wirst sechs Minuten schlafen. Um acht Uhr zwanzig wirst du erwachen und wirst bestimmt keine Schmerzen mehr haben.“

Weder Isabel noch ich sprachen ein Wort. Unsere Augen waren auf Larry gerichtet. Er sagte nichts mehr. Er hatte seinen Blick auf gray geheftet, schien ihn aber nicht anzusehen, er schien eher durch ihn hindurch und hinter ihn zu sehen. In dem Schweigen, das sich über uns senkte, war etwas Unheimliches; es war wie das Schweigen der Blumen bei Einbruch der Nacht. Plötzlich spürte ich, wie sich Isabels Hand fest um die meine klammerte. Ich sah Gray an. Seine Augen waren geschlossen. Er atmete leicht und regelmäßig; er war eingeschlafen. Wir blieben eine Weile stehen, die uns unendlich schien. Ich sehnte mich nach einer Zigarette, wollte aber keine anzünden. Larry regte sich nicht. Seine Augen blickten in irgendeine Ferne. Wenn sie nicht offen gewesen wären, hätte er auch in Trance sein können. Plötzlich schien er sich zu entspannen; seine Augen nahmen ihren normalen Ausdruck an, und er sah wieder auf seine Uhr. Als er das tat, öffnete Gray die Augen. „Bei Gott“, sagte er, „ich glaube, ich bin eingeschlafen.“ Dann sprang er auf. Ich bemerkte, daß sein Gesicht die gespenstische Blässe verloren hatte. „Meine Kopfschmerzen sind fort.“

„Das ist fein“, sagte Larry. „Rauch eine Zigarette, und dann werden wir alle Abendessen gehen.“ „Es ist ein Wunder. Ich fühle mich ganz wohl. Wie hast du das gemacht?“ „Ich habe nichts gemacht. Du hast es selbst gemacht.“ „Aber das war ein Wunder. Ich habe es selbst mit eigenen Augen gesehen“, erwiderte Isabel. „Nein, das war es nicht. Ich habe dem guten Gray nur eine Idee in den Kopf gesetzt, und das Übrige hat er selbst getan.“

William Somerset-Maugham, „The Razor´s Edge“, 1944


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