http://de.today.reuters.com/News/newsArticle.aspx?type=worldNews&storyID=2006-
05-11T151531Z_01_HUB154914_RTRDEOC_0_GROSSBRITANNIEN-ANSCHLAEGE-ZF.xml

Reuters, 11.05.06

Bericht: Geheimdienste kannten zwei London-Attentäter


London (Reuters) - Zwei Attentäter der Anschläge in London vom 7. Juli vergangenen Jahres sind bereits zuvor ins Visier des britischen Geheimdiensts geraten und beobachtet worden.

Dies geht aus einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht des Geheimdienstausschusses des Unterhauses zu den Anschlägen hervor. Allerdings seien Mohammed Sidique Khan und Shehzad Tanweer damals nicht als unmittelbare Bedrohung eingeschätzt worden. Die beiden Männer gehörten zu vier britischen Moslems, die mit Bombenanschlägen auf das Londoner Nahverkehrssystem 52 Menschen töteten und mehr als 700 verletzten.

Der Geheimdienst MI5 sei auf die beiden Männer „am Rande anderer Überwachungs- und Ermittlungstätigkeiten“ aufmerksam geworden, hieß es in dem Bericht. Angesichts begrenzter Ressourcen und anderer Prioritäten zum damaligen Zeitpunkt sei es verständlich gewesen, dass die Geheimdienste nicht weiter gegen die beiden Männer ermittelt hätten, die ihnen zudem namentlich nicht bekannt gewesen seien.

Großbritannien hatte spätestens seit seiner Beteiligung am Irak-Krieg damit gerechnet, wie die USA im September 2001 Ziel von Anschlägen zu werden. Premierminister Tony Blair steht nicht zuletzt wegen seines engen Bündnisses mit den USA im Irak unter Druck. Skandale und verschleppte Reformen beispielsweise im Gesundheitsbereich haben ihm und seiner Labour-Partei vor einer Woche eine schwere Niederlage bei den Kommunalwahlen beschert.

Dem parlamentarischen Bericht zufolge sind die eventuellen Verbindungen der Attentäter zur radikal-moslemischen Organisation Al-Kaida weiter zweifelhaft. „Mein Eindruck ist, dass diese Anschläge hier im Land ausgedacht und vorbereitet wurden und dass diese Kontakte nicht so groß sind, wie manche Leute in der Vergangenheit gedacht haben“, sagte der Vorsitzende des Parlamentsausschusses, Paul Murphy.

Nach Einschätzung der britischen Opposition überführt der Bericht aber die Regierung der Unwahrheit. „Zum Zeitpunkt der Anschläge und unmittelbar danach, hat die Regierung behauptet, dass die Attentäter den Behörden bis dahin unbekannt gewesen seien, weil sie zuvor weder mit kriminellen noch terroristischen Vergehen aufgefallen waren“, sagte der konservative Abgeordnete David Davis. „Wir wissen nun, dass das nicht wahr war.“

Innenminister John Reid lehnte aber eine weitere, unabhängige Prüfung der Vorfälle ab. Seinen Worten zufolge war es kaum möglich, die Attentäter im Vorfeld der Anschläge aufzuspüren. Dabei verwies er darauf, dass die Männer ihre Bomben aus einfachen Bestandteilen gebaut hätten und vermutlich weniger als 12.000 Euro in die Vorbereitung investiert hätten.