Der folgende Text zur Entstehung von Krebs ist mehr als fünfzig Jahre alt. Man könnte zu Recht vermuten, er sei deshalb überholt, weshalb ich mich entschlossen habe, eine Einleitung zusammenzustellen, die sowohl den derzeitigen Stand der Krebsforschung, als auch den Autor, kurz vorstellt. Zur aktuellen Forschungssituation hat der „Spiegel“ im Laufe der letzten Jahre mehrere Interviews geführt. Im folgenden einige Auszüge:

Interview mit dem Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft Lothar Weißbach im März 2000


SPIEGEL: Vor 100 Jahren, als die Deutsche Krebsgesellschaft gegründet wurde, starben in Deutschland jährlich 43 000 Menschen an bösartigen Tumoren. Krebs stand auf Platz 6 der Todesursachenstatistik. Jetzt sterben bei ähnlich großer Bevölkerung 218 000 Menschen jährlich an Krebs. Bösartige Neubildungen stehen auf Platz 2 der Todesursachenstatistik. Was läuft da alles falsch, dass die Entwicklung in den letzten 100 Jahren so und nicht anders gegangen ist?

Weißbach: Die Menschen werden zu alt. Krebs ist eine Krankheit des Alters. Richtig ist, dass spätestens in zehn Jahren Krebs in Deutschland die häufigste Todesursache sein wird - und darauf sind wir nicht vorbereitet. Bauchspeicheldrüsenkrebs und auch Lungenkrebs können kaum behandelt werden, und die Heilungsaussichten sind schlecht. In der palliativen, also in der Lebensqualität verbessernden Behandlung sind allerdings Fortschritte erzielt worden. Die Zellgifte sind für den Patienten besser verträglich, und somit steigt für ihn auch die Lebensqualität in der Spanne, die ihm bleibt.

SPIEGEL: Die Öffentlichkeit und die Patienten setzen ja seit einigen Jahren besondere Hoffnungen auf die Gentherapie. Bisher haben sich diese Hoffnungen nicht erfüllt. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Weißbach: Die Gentherapie wird kommen, aber sie ist noch nicht da. Die Experten sagen, dass in den Jahren 2003 bis 2005 der Beginn der Gentherapie zu erwarten ist.

SPIEGEL: Geht Ihre Hoffnung mehr dahin, nur die Überlebenszeiten nach Krebstherapie zu verlängern, oder hoffen Sie, Krebs mit immer größerer Wahrscheinlichkeit auch wirklich zu heilen?

Weißbach: Wir werden lernen müssen, dass wir nur einen kleinen Teil der Krebserkrankungen heilen können. Die Erkenntnis setzt sich durch, dass wir Krebs früher diagnostizieren und dass wir - besser noch - Krebs vermeiden müssen.

Interview mit dem Onkologen Dieter Kurt Hossfeld, Direktor der Abteilung für Hämatologie und Onkologie an der Hamburger Universitätsklinik im Oktober 2000

SPIEGEL: Herr Hossfeld, als Gastgeber des Kongresses der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie haben Sie bis Dienstag mehr als 6000 Wissenschaftler aus aller Welt in Hamburg empfangen. Wie groß ist der Optimismus, in Zukunft Krebserkrankungen heilen zu können?

Dieter Kurt Hossfeld: Wir haben auf vielen Gebieten der Forschung in den letzten Jahren deutliche Fortschritte gemacht. Große Hoffnungen, dass wir bei der Heilung von Krebs einen Riesenschritt nach vorne gemacht haben, können wir uns aber nicht machen.

SPIEGEL: Das klingt pessimistisch. Hat die Forschungsarbeit nicht auch zu einer Verbesserung der Heilungschancen geführt?

Hossfeld: Unsere Fortschritte äußern sich weniger in einer Steigerung der Heilungsraten, dafür aber in einer Verlängerung der Lebenszeit der Krebspatienten.

Interview mit Michael Molls, Direktor der Klinik für Strahlentherapie der Technischen Universität München und Leiter des Tumorzentrums München, einer „interdisziplinären Poliklinik“, die deutschlandweit als Vorbild einer fachübergreifenden Krebsbehandlung gilt, im Juni 2002

SPIEGEL: Der berühmte Biochemiker Erwin Chargaff, ein großer alter Mann der Wissenschaft, hat eine deprimierende Bilanz gezogen. Er sagt: „Bei der Krebsbekämpfung ist viel herausgekommen, dicke Arbeiten, schöne Preise und Medaillen. Nur, wo die Kranken sterben, ist fast nichts herausgekommen.“ Kann es sein, dass die ganze Richtung der Krebstherapie und der Krebsforschung nicht stimmt?

Molls: So weit würde ich nicht gehen. Mir gefiele es besser, wenn Sie sagten: Wir setzen die falschen Akzente. Ich denke, wir sollten uns von der falschen Hoffnung verabschieden, irgendwann werde es das eine Medikament geben, welches das Krebsproblem löst. Um wirklich heilen zu können, müssen wir den Tumor möglichst erkennen, ehe sich Metastasen bilden. Aber wir können leider diese Tochtergeschwülste nicht diagnostizieren, solange sie noch mikroskopisch klein sind.

SPIEGEL: Wie groß muss eine Metastase denn sein, damit sie sich auf herkömmliche Weise diagnostizieren lässt?

Molls: Ungefähr wie eine kleine Erbse. Sie besteht zu diesem Zeitpunkt schon aus rund zehn Millionen Zellen ...

SPIEGEL: ... und jede einzelne kann die bösartige Krankheit weitertragen.

Molls: Ja, das ist die Crux.

SPIEGEL: Man sieht, dass jede Anti-Krebs-Strategie den Krebs erst mal unter die Sichtbarkeitsschwelle zu drücken vermag. Trotzdem erliegen aber am Ende zwei von drei Patienten ihrer Krebskrankheit. Wenn man noch einen Blick auf Ihre Grafik wirft, so kommt die Chemotherapie offenbar nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv schlecht weg. Gibt es dabei keine Heilung, keine Verminderung der Tumorzellen auf null?

Molls: Die Chemotherapie setzt anders an als Chirurgie und Strahlentherapie. Denn die Medikamente werden ja in der Regel in den Kreislauf injiziert und erreichen auf dem Blutweg sämtliche Körperregionen, ausgenommen das Gehirn.

SPIEGEL: Theoretisch wäre sie also als einzige Therapieform geeignet, sowohl mikroskopische als auch makroskopische Metastasen erfolgreich zu beseitigen.

Molls: Theoretisch schon. Bei „flüssigen Tumoren“ - damit meine ich bösartige Wucherungen im Blut bildenden und lymphatischen System, also Leukämien und Lymphome - hat die Chemotherapie große Erfolge. Aber bei den soliden Tumoren - dazu zählen vor allem die weit verbreiteten Killer-Krebse der Brust, der Prostata, der Lunge und des Verdauungstraktes - ist die Effizienz der Chemotherapie nicht gut.

SPIEGEL: Und wenn die Chemotherapie nicht alle krebskranken Zellen erreicht ...

Molls: ... wenn sie nur in einer einzigen kleinen Ecke ein paar Tumorzellen am Leben lässt, dann ist das Rezidiv (der Rückfall) fast unausweichlich. Viele Patientinnen mit Brustkrebs, die im Rahmen der Erstbehandlung eine Chemotherapie, zum Teil sogar eine sehr aggressive Hochdosis-Chemotherapie zur Vernichtung mikroskopischer Metastasen erhalten, entwickeln einen Rückfall.

SPIEGEL: Wie viele Patientinnen profitieren denn von dieser Behandlung?

Molls: Man geht davon aus, dass allenfalls zehn Prozent der Brustkrebs-Patientinnen mit Mikrometastasen von der Chemotherapie profitieren und geheilt werden können. Dieser Prozentsatz gilt in etwa auch für die anderen soliden Tumoren.

SPIEGEL: Deprimierende Zahlen.

Molls: Ja. Wir Ärzte, die Krebskranke behandeln, müssen grundsätzlich akzeptieren, dass wir einen Teil unserer Patienten nicht heilen können, nämlich die Patienten, die Metastasen entwickeln. Dann geht es nur darum, das Leben zu verlängern, bei möglichst guter Lebensqualität.

SPIEGEL: Wenn die Chemotherapie von den drei Behandlungsarten bei Krebs letztlich die enttäuschendsten Ergebnisse bringt, wie erklären Sie sich dann den unverdrossenen Optimismus, mit dem diese Therapierichtung weiterverfolgt wird?

Molls: Das ist auch für mich nicht in allen Details nachvollziehbar. Das eigentliche Ziel der Tumortherapie besteht ja in der Vernichtung aller Tumorzellen. Beachtet man diesen Maßstab, so muss man sagen, dass die Effizienz der zytostatischen Medikamente wenig erfolgreich ist.

SPIEGEL: Trotzdem konzentriert sich die Krebsforschung vor allem auf die molekularen Strukturen der Zelle.

Molls: Alle neuen Verfahren, inklusive der gentherapeutischen, der immunologischen und der gegen die Neubildung von Blutgefäßen im Tumor gerichteten, halten einer kritischen Betrachtung nicht Stand. Die geweckten Erwartungen waren groß, die Ergebnisse eher klein. Es gab und gibt da eine Menge wissenschaftlicher Träume ...

SPIEGEL: ... die sich von den Fakten in den Krankenstationen und der Realität der Therapie weit entfernt haben?

Molls: Leider ist selbst unter Experten der naive Glaube verbreitet, das alleinige Verständnis bestimmter molekularer Schlüsselfunktionen, beispielsweise der Gene, liefere den direkten Zugang zur Lösung des Krebsproblems. So ist es nicht.

SPIEGEL: Aber dieser weit verbreitete Glaube, wie Sie es nennen, setzt in der Wissenschaft gegenwärtig die Akzente.

Molls: Leider. Es muss die Frage erlaubt sein, ob eine Forschungsförderung, die den Tumor so gut wie ausschließlich als molekulare, medikamentös zu beeinflussende Struktur begreift, überhaupt eine Chance hat, in den kommenden Jahren auf breiterer Front Erfolge zu erreichen.

***

Nun zum Autor des 1948 erschienen Buches „Der Krebs“:

Wilhelm Reich wurde 1897 in Österreich geboren und studierte von 1918 bis 1922 in Wien Medizin. Als junger Arzt war er ab 1922 an der von Freud geleiteten Psychoanalytischen Poliklinik in Wien tätig, wenige Jahre später als stellvertretender Direktor derselben. Sowohl dort als nach 1930 in Berlin hielt er Vorlesungen und Vorträge über seine Fachthemen, beteiligte sich an der Erziehung und Organisation junger Menschen, hauptsächlich Studenten und Arbeiter, war behilflich bei der Einrichtung von Beratungsstellen in psychosozialen und psychosexuellen Fragen und blieb weiterhin aktiv als Ausbilder und leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Psychoanalytischen Instituten in Wien und Berlin. Zehn seiner wichtigsten Bücher entstanden in dieser Zeit sowie viele literarische Beiträge, die in führenden medizinischen, soziologischen und sexualwissenschaftlichen Zeitschriften des In- und Auslandes erschienen. Unter anderem beschäftigte er sich auch mit dem psychologischen Hintergrund des aufkommenden Faschismus. Deshalb und als Jude stand Reich sofort auf der Abschußliste der Nazis. Es gelang ihm, 1933 rechtzeitig zu emigrieren. Er hielt sich jeweils einige Jahre in Dänemark, Schweden und Norwegen auf, bekam aber in keinem dieser Länder eine längere Aufenthaltsgenehmigung. Er hatte immer einige Schüler um sich und kam gerade damals zu Erkenntnissen, die für seine späteren Forschungen entscheidend waren. 1939 folgte Reich einem Ruf an die New School for Social Research in New York, wo er Professor an der Abteilung für Medizinische Psychologie wurde. Damit hatte er die Möglichkeit, seine Forschungen fortzusetzen und auszubauen.

Reich führte verschiedene Krankheiten auf „Orgonmangel“ zurück. „Orgon“ ist eine von ihm beschriebene allgegenwärtige „Lebens“-Energie. Sicher nicht zufällig sind Assoziationen zur ayurvedischen und chinesischen Medizin. Seine Orgon-Energie läßt sich vielleicht vergleichen mit dem Prana der Inder oder mit dem in den chinesischen Meridianen zirkulierenden Qui, das man durch Akupunktur zum Ausgleich zu bringen versucht. Die im vergangenen Kapitel beschriebene ultraschwache Zellstrahlung ist ein vergleichbares Phänomen.

Mit seiner offenen Kritik an manchen sozialen und politischen Einrichtungen und Gepflogenheiten, mit seiner Erkenntnis der Kausalität zwischen der herrschenden moralischen Heuchelei und der Entstehung vieler Neurosen und Psychosen, vor allem mit dem von ihm hervorgehobenen Zusammenhang zwischen dem Orgon-Energiefluß und der Sexualfunktion machte sich Reich in manchen puritanischen Kreisen der amerikanischen Öffentlichkeit unbeliebt. 1954 wurde von der Food and Drug Administration (FDA; amerikanische Nahrungs- und Arzneimittelbehörde) gegen Reich Klage erhoben, er habe betrügerische Reklame für die Heilwirkung des von ihm entwickelten Orgon-Akkumulators gemacht und seine angeblichen Entdeckungen seien Humbug. Reich lehnte es ab, vor Gericht zu erscheinen und begründete dies in einem Brief an den zuständigen Richter. Dessen ungeachtet wurde er wegen Mißachtung des Gerichtes zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Nach einem halben Jahr Haft verstarb Reich im Alter von 60 Jahren im Gefängnis. Seine Bücher und Laboreinrichtungen wurden per behördlichem Beschluss vernichtet.

Das auf dem Thema „Psyche und Krebs“ lastende Tabu lockerte sich in den USA erst 1965 nach der historischen Tagung der National Academy of Sciences in New York mit dem Programm „Psycho-Physiologieal Aspects of Cancer“. Man erinnerte sich dabei auch des Namens Reich. Er und sein Lebenswerk erfuhren eine posthume Anerkennung und Rehabilitation. Man beschäftigte sich wieder mit seinem Gedankengut ebenso wie mit den nun zahlreicher werdenden psycho-onkologischen Studien anderer Forscher.

Im Vorwort der ersten Neuausgabe von „Der Krebs“ im Jahr 1973 schreibt der amerikanische Herausgeber: „Ein großes Hindernis für das Verständnis der Reichschen Krebstheorie ist die vorherrschende mechanistische Art, Krankheiten zu begreifen. Vor gar nicht langer Zeit, tatsächlich vor weniger als hundert Jahren, schrieb man Krankheiten den Wechselwirkungen vieler Variablen im Individuum un seiner Umgebung zu. Beginnend mit den Forschungen Pasteurs und Kochs entstand jedoch die „Doktrin der spezifischen Ätiologie“, nach der eine Krankheit durch einen spezifischen Faktor verursacht ist, z.B. durch ein Bakterium, einen Virus oder einen Hormonausfall. Die moderne Medizin basiert auf dieser mechanistischen Sichtweise, und diese ist es auch, die gegenwärtig durch die großzügigen staatlichen Fonds zur Krebsforschung unterstützt wird. Die Begeisterung für den mechanistischen Ansatz gründet sich auf das Wissen, daß durch einen einzelnen isolierten Faktor bei einem Versuchstier eine Krankheit hervorgerufen werden kann und daß ein mechanisches Verfahren oder eine chemische Substanz, die oft durch einen glücklichen Zufall entdeckt wird, bei der Behandlung von Krankheiten helfen kann. Es gibt prominente Wissenschaftler, die diesen Ansatz beim Krebs ablehnen und die versichern, daß die Suche nach einem spezifischen kausalen Faktor fruchtlos ist. Trotzdem geht die Suche weiter. Weil der Tumor das hervorstechendste Merkmal der Krankheit ist und von den meisten Forschern als die Krankheit selbst angesehen wird, besteht die Behandlung entweder in seiner operativen Beseitigung oder in dem Versuch, ihn durch Bestrahlung oder Medikamente zu zerstören. Das liegt an der mechanistischen Prämisse, daß der Tumor de novo in einem sonst gesunden Organismus entsteht.“

Soweit das Vorwort, nun folgen Auszüge aus dem Originaltext von Wilhelm Reich.

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Unter den vielen ungelösten Fragen der Krebsseuche hat wohl keine die Ärzte sowohl wie das Publikum so interessiert wie die, in welcher Weise die Krebszelle entsteht. Gesundes Gewebe ist „ruhig“, d.h. die vielen Einzelzellen des Organismus leben in innigem Zusammenhang miteinander, erfüllen gemeinsam die Funktionen der betreffenden Organe, wie Nahrungsaufnahme, Ausscheidung, Atmung, Sexualerregung und -befriedigung etc., kurz, sie sind den Organfunktionen untergeordnet. Sie funktionieren im Sinne der Sicherung der Lebensfunktion des Gesamtorganismus. Das Krebsgewebe geht aus vorher scheinbar gesunden Geweben hervor. Seine wesentlichen Kennzeichen leiten sich - nach üblicher Anschauung - aus einer einzigen Tatsache ab: Eine oder mehrere vorher ruhige Zellen beginnen „unruhig“ zu werden, sie teilen sich rasch, wuchern kräftig, wachsen zu großen Haufen und bilden so die „Krebsgeschwulst“. Die Krebszellen sind im Gegensatz zu gesunden Zellen bewegt. Sie wachsen durch rasche Teilung in die umgebenden Gewebe hinein. Sie machen vor nichts halt, durchdringen alles. Dabei zerstören sie die Gewebe, die sie durchdringen. Ihr Wachstum wird daher mit Recht als durchsetzend („infiltrierend“) und als zersetzend („destruierend“) bezeichnet.

Schieben wir nun alle weiteren Fragen auf und konzentrieren wir uns auf die eine, wesentlichste Frage: Wie ist es möglich, daß sich eine unbewegte, im Zellverband geordnet lebende und funktionierende Zelle in eine bewegte, aus dem Zellverband heraustretende, sozusagen wilde Zelle verwandelt, die alles zerstört, was ihr im Wege steht? Diese Tatsache ist um so sonderbarer, als die Krebszelle ein lebensschwaches Gebilde ist, d.h. sehr leicht selbst zerfällt. Der Sprung von der gesunden zur krebsigen Zelle ist bisher unverstanden geblieben. Man kennt genau die Eigenschaften der gesunden Zelle. Man kennt ziemlich genau die Form und viele Eigenschaften der Krebszellen. Aber man weiß nichts darüber, was dazwischen vorgeht, wie sich die eine Form in die andere verwandelt.

Es gelang nun der Bionforschung, auf einem recht merkwürdigen Umwege dieses Rätsel befriedigend zu lösen. Mit der Lösung dieses einen wichtigen Rätsels öffneten sich breit viele Tore sowohl zum Verständnis des Krebses wie auch zu seiner Bekämpfung. Ich nehme das wesentlichste Ergebnis vorweg: Es war ein Irrtum zu glauben, daß sich die Krebszelle unmittelbar aus gesunden Zellen entwickelt. Es ist nicht so, daß eine unbewegte und gesunde Zelle sich plötzlich in eine unruhige, bewegte und wuchernde Zelle verwandelt. Lange bevor es zur Entwicklung der ersten krebsigen Zelle im Organismus kommt, gibt es eine Reihe krankhafter Vorgänge im betroffenen Organgewebe und in seiner unmittelbaren Umgebung. Diese lokalen Vorgänge werden ihrerseits wieder durch eine allgemeine Erkrankung des Lebensapparates eingeleitet. Die Entstehung der Krebszelle an einem bestimmten Ort ist in Wirklichkeit bloß eine Phase in der Entwicklung der Allgemeinerkrankung, die man „Krebs“ nennt. Wir nennen diese Allgemeinerkrankung Krebs-Schrumpfungs-Biopathie. Die Krebsgeschwulst ist nicht einmal das wichtigste Stück der Krebserkrankung. Sie fällt nur am stärksten ims Auge und war bisher der einzige sichtbare und angreifbare Tatbestand der Krebsbiopathie. Die Aufdeckung der Schrumpfungsbiopathie als der eigentlichen Erkrankung war daher von riesenhafter Bedeutung, denn sie lenkte unsere Aufmerksamkeit auf das Wesentliche. Wenn die Allgemeinerkrankung, und nicht die lokale Geschwulst, das Wesentliche ist, dann muß logischerweise auch die Heilung des Krebses eine allgemeine sein, sie kann sich nicht mehr wie bisher auf die kleine Stelle am Körper beschränken, an der die Geschwulst tastbar oder sichtbar hervortritt. Daß man bisher die lokale Geschwulst für die eigentliche Erkrankung hielt und die Allgemeinerkrankung Krebs nicht kannte, ist dafür verantwortlich, daß die Krebsbekämpfung nicht vorwärtskam.

Die lokale Krebsgeschwulst entwickelt sich in spastischen und schlecht ladenden, d.h. in erstickenden Organen. Davon müssen die Einzelzellen schwer betroffen sein. Wir müssen annehmen, daß die Entwicklung einer Krebszelle aus einer normalen ruhenden Zelle einer Veränderung der „bioenergetischen“ Zellfunktion entspricht. Die chemischen Untersuchungen haben hier viele wichtige Aufklärungen gebracht, wie etwa die Produktion von Milchsäure im Krebsgewebe, den Kohlensäureüberschuß, der auf Erstickungsstoffwechsel in den Zellen hindeutet, etc. etc. Die Bionforschung fügt nun diesem chemischen den energetischen Gesichtspunkt an. Sie behauptet, daß eine Energiestauung zu einem bionösen Zerfall der Zellsubstanz führt und daß sich die Krebszelle erst aus diesen Bionen entwickelt.

Ich möchte nun die präkanzeröse Zellerstickung mit einem Beispiel illustrieren. Man stelle sich eine unter günstigen Verhältnissen geordnet kooperierende Menschenmasse vor. Zwischen den Individuen besteht genügend Bewegungsraum. Sie unterstützen einander, haben keine Angst, funktionieren voll in jeder Hinsicht. Man denke sich nun diese Masse eingeengt in einen kleinen Raum. Es bräche zudem ein Feuer aus. Es entsteht Panik. Sie ist nichts anderes als ein Aufbäumen der Lebensimpulse gegen die Gefahr, die das Leben bedroht. Ruhe und Ordnung vergehen. Wilde, ungeordnete Reaktionen nehmen überhand. Menschen werden zertreten, die Angstpanik hat nicht nur dem geordneten Funktionieren ein Ende gemacht, sondern sie hat überdies eine eigene Funktionsart entwickelt, die Panik, die tödlich ist. So ähnlich müssen wir uns das Entstehen der wilden Krebszellen in einem erstickenden Gewebe vorstellen.

Die chronische Kontraktion des Organismus hindert das Zellplasma an geordneter Atmung, an Energieaufnahme und -abgabe. (Wilhelm Reich schreibt: „Orgonaufnahme und -abgabe“ nach der gleichnamigen von ihm entdeckten Energie. Zum besseren Verständnis ersetze ich „Orgon“ im Text durch „Energie“. P.S.) Es kontrahiert zunächst, dann beginnt es zu schrumpfen. Die chemischen Stoffwechselvorgänge sind gestört. Der Überschuß an Kohlendioxid bedingt einen Zustand wie in der Erstickung eines Tieres. In der Erstickung währt sich der autonome Lebensapparat gegen die Vernichtung durch heftige Konvulsionen, also ungeordnete Überaktivität.

Wir dürfen nun den logischen Schluß ziehen, daß die Kerne der Zellen in solche Übererregung und wilde Aktivität geraten, wenn die Plasmafunktion eingeschränkt ist, und die Plasmamasse einzugehen beginnt. Bestimmte Grundgesetze beherrschen, das betonen wir immer wieder, den Gesamtorganismus ebenso wie die Einzelzelle. In der Normalfunktion bildet der Kern mit dem Plasma eine funktionelle Einheit. In der Erstickung des Zellplasmas gerät der Kern in scharfen Gegensatz zum Krankheitsprozess im Plasma. Als das stärkere System kann sich der Kern noch „wehren“, wo das energieschwächere Plasma bereits nachzugeben beginnt. Dadurch verschiebt sich die Kern-Plasma-Relation in energetischer Hinsicht rasch und drohend zugunsten des Kerns. Der Energieüberschuß im Kern wird im Verhältnis zum erstickenden Plasma allzugroß. Der Kern kennt im Zustande der Überladung nur eine Funktion: Die Erstrahlung und Teilung. Während im Prozess der Schrumpfung des Plasma- und Blutsystems die biologische Energiestrahlung nachläßt, steigert sich die mitogenetische Strahlung (Zellstrahlung, die die Zellteilung auslöst; P.S.) der von Erstickung bedrohten Zellkerne ungeheuer. Die betreffenden Zellkerne versuchen gutzumachen, worin der Gesamtorganismus versagte: Sie übernehmen nun die Funktion der Energieabgabe, die der Gesamtorganismus infolge der orgastischen Impotenz und Kontraktion des Plasmasystems nicht mehr durchzuführen vermag. An die Stelle der natürlichen orgastischen Konvulsionen des gesamten Plasmasystems tritt die Energieabgabe auf tiefster biologischer Stufe in Form der Kernerstrahlung und Teilung.

So wird der Reichtum an Kernteilungsfiguren („Mitosen“) im Krebsgewebe einfach verständlich. Da diese Teilungen nicht mehr physiologisch korrekt ablaufen können, müssen Größenunterschiede in den Kernen entstehen. Da das Plasma tief gestört ist, muß schließlich auch die Formation des Kerns leiden: Er zerfällt in einzelne stark strahlende Bione. Dieser bionöse Kernzerfall erfaßt den ganzen Zelleib, ja überschreitet die Zellgrenzen, erfaßt anliegende Zellen und führt zu einer Einschmelzung der Zellen in eine formlose, bionöse Bläschenmasse. Aus dieser Bionmasse organisieren sich nun mit Hilfe ihrer nicht mehr im Körperzusammenhange funktionierenden Energie die Protozoen, „Krebszellen“ genannt. Der Vielzeller hört zu funktionieren auf und der Einzeller gedeiht, wie in einem stehenden Wassertümpel, wo es keinen Energie- noch Stoffwechsel mehr gibt. Das Lebendige sinkt zurück und funktioniert auf der niedrigsten biologischen Stufe. Denn wo ein Vielzellerorganismus nicht mehr leben kann, kann noch immer ein Einzeller und sicher ein Bion funktionieren.

Die Krebsgeschwulst ist also letzter Ausdruck einer schweren Störung des energetischen Gleichgewichts und der Einheitsfunktion des Organismus auf Grund orgastischer Impotenz. Sie ist Folge einer Rebellion der betroffenen Zellkerne gegen die im Plasma ablaufenden Erstickungs- und Schrumpfungsvorgänge. Daher stammt das „wilde Zellwachstum“. Es entspricht, auf die Zellkerne beschränkt, dem Aufruhr im autonomen Lebensapparat beim akuten Angstanfall, wie zum Beispiel in der Angstneurose. Wir dürfen getrost von einem Angstanfall in den Zellkernen in erstickendem Gewebe sprechen. Bei der Angstneurose erfaßt der Angstanfall den biologischen Kern und die biologische Peripherie. Beim Krebs handelt es sich um einen Angstanfall in den Kernen allein bei emotioneller Stille in der Peripherie des energetischen Systems des Organismus und seiner Zellen. Bei der Angstneurose erfaßt die Angst den Gesamtorganismus. Bei der lokalen Tumorbildung ist der Angstanfall auf ein Gewebe und auch da nur auf die Zellkerne beschränkt. Bei der Angstneurose ist der ganze Organismus in voller Lebenstätigkeit. Bei der lokalen Geschwulstbildung ist der Gesamtorganismus im Absterben begriffen, und nur noch die Kerne sind lebensstark und „angstfähig“. Wir sehen: Der Mechanismus der Sexualstauungsbiopathien ist letzten Endes ein pathologischer Zellmechanismus.

Der lokale Prozeß ist eine Folge und Begleiterscheinung der allgemeinen Schrumpfungsbiopathie des Organismus. Der Schrumpfungsprozess selbst verläuft in typischen drei Phasen:

1. Kontraktionsphase: Sie beginnt mit chronischer Unfähigkeit zur (vagotonen) Expansion und drückt sich charakterlich in Resignation aus. Muskulärer Spasmus, Blässe der Haut, Armut an biologischer Ladung der Gewebe, orgastische Impotenz und Anämie des Blutes sind ihre physiologischen Kennzeichen. Diese erste Phase hat die Krebsbiopathie mit allen anderen Biopathien gemeinsam.

2. Schrumpfungsphase: Sie ist gekennzeichnet durch Verlust an Körpersubstanz, Schrumpfung der roten Blutkörperchen, Körperschwäche, Eingehen der biologischen Widerstandskraft des Gesamtorganismus, Gewichtsverlust und schließlich allgemeine Kachexie.

3. Fäulnisphase: Energieverlust in den Gewebszellen, Verwandlung der Krebsmassen in faulige Materie, rasche Bildung von Fäulnisbakterien , Zerfall der Fäulnisbakterien in T-Bazillen, allgemeine T-Bazillen-Intoxikation, faulige Liegegeschwüre, fauliger Körpergeruch, Tod.

Die Erscheinungen der Schrumpfungsbiopathie decken sich mit den Rückbildungserscheinungen im hohen Alter, also mit dem allmählichen natürlichen Absterben des Organismus. Man schrumpft im Alter langsam ein und man verfault nach dem Tode. In der Krebsbiopathie spielt sich dieser allgemeine Sterbensprozess verfrüht und beschleunigt ab. Der Krebstod ist vorzeitiger, aber regulärer Sterbensprozess. Das Krankhafte daran besteht in der Verfrühung und Beschleunigung; ferner darin, daß die Körperfäulnis bei lebendigem Leibe einsetzt. In einem Organ, das durch Jahrzehnte kontrahiert war, schlecht atmete und bioenergetisch schlecht funktionierte, setzen Sterbensvorgänge ein: Energieverlust der Gewebe und ihrer Zellen, blasiger Zerfall, Bildung von Fäulnisbakterien und T-Bazillen. Diese Störung erfaßt vor allem das Blutsystem und mit dem Blutsystem den Gesamtorganismus. Der autonome Lebensapparat schrumpft allmählich ein. Dieser Prozeß ist Folge gestörter Sexualökonomie des Organismus. Er läuft im Organismus ab, lange bevor er sich in faßbaren Symptomen äußert, die der mechanistischen Pathologie faßbar wären. Daher muß die Diagnose der lokalen Geschwulst immer zu spät kommen. Aus dem gleichen Grunde trifft die übliche lokale Therapie des Tumors mittels Chirurgie, Röntgenstrahlen oder Radium nicht die Krankheit „Krebs“.

Wilhelm Reich, „The Cancer Biopathy“, 1948

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