Die Beziehungen der Menschen untereinander gestalten sich so, daß sich niemand mehr selbst etwas abverlangt, jedermann sich also von seinen ethischen Ansprüchen lossagt, alle eigenen Ansprüche anderen Menschen, sozusagen der gesamten Menschheit überantwortet. Man erwartet jeweils vom anderen, daß er sich anpaßt und aufopfert, sich am Aufbau der Zukunft beteiligt, während man selbst an diesem Prozeß überhaupt keinen Anteil hat, keinerlei persönliche Verantwortung für das Weltgeschehen übernimmt. Man findet Tausende von Gründen, um sich hiervor drücken zu können, seine selbstsüchtigen Interessen nicht allgemeineren, höheren Aufgaben opfern zu müssen: Niemand hat den Wunsch und den Mut zu einem nüchternen Blick auf sich selbst, zur Verantwortung gegenüber dem eigenen Leben und der eigenen Seele.
Mit anderen Worten: Wir leben in einer Gesellschaft, die das Ergebniss "allgemeiner" und eben nicht spezifischer Anstrengungen ist. Der Mensch wird zum Werkzeug fremder Ideen und Ambitionen, beziehungsweise von Führern, die ohne Rücksicht auf die Interessen des Einzelmenschen die Energien und Anstrengungen anderer Menschen formieren und benutzen. Das Problem persönlicher Verantwortung scheint gleichsam aufgehoben und einem fälschlichen "Allgemein"-Interesse geopfert zu sein, das dem Menschen das Recht eines verantwortungslosen Verhaltens sich selbst gegenüber einräumt.

Von dem Moment an jedoch, in dem wir irgend jemandem die Lösung unserer Probleme überantworten, vertieft sich auch die Kluft der materiellen und geistigen Entwicklung. Wir leben in einer Welt der Ideen, die andere für uns zurechtgeschneidert haben. Das heißt, wir entwickeln uns entweder nach den Standards dieser Ideen oder entfremden uns diesen immer hoffnungsloser und geraten so in Widerspruch zu ihnen.

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Vorläufig sind wir lediglich Zeugen einer sterbenden Geistigkeit. Das rein Materielle hat dagegen schon sein System fest etabliert, ist zur Grundlage unseres Lebens geworden, das an Sklerose erkrankt und von Paralyse bedroht ist. Allen ist klar, daß der materielle Fortschritt den Menschen kein Glück bringt. Dennoch vergrößern wir wie Besessene seine "Errungenschaften". Auf diese Weise haben wir es dahin gebracht, daß die Gegenwart eigentlich schon mit der Zukunft zusammenfällt, wie es im "Stalker" heißt. Das bedeutet, in der Gegenwart sind bereits alle Voraussetzungen für eine unabwendbare Katastrophe in naher Zukunft gelegt. Wir spüren das alle, sind aber dennoch nicht in der Lage, dem entscheidend Einhalt zu gebieten.

So scheint die Verbindung zwischen dem Handeln des Menschen und seinem Schicksal zutiefst gestört zu sein. Diese tragische Entzweiung bedingt das instabile Selbstgefühl des Menschen in der modernen Welt. Im eigentlichen Sinne ist der Mensch natürlich sehr wohl von seinem Handeln abhängig. Doch da er nun einmal so erzogen wurde, als ob überhaupt nichts von ihm abhinge, als ob er selbst überhaupt keinen Einfluß auf die Zukunft nehmen könne, wächst in ihm das falsche, ja verhängnisvolle Gefühl, am eigenen Schicksal letztlich völlig unbeteiligt zu sein.

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Das Wesen der Sache liegt darin, daß wir in einer Welt der Vorstellungen leben, die wir selber schaffen. Wir hängen von deren Unvollkommenheiten ab, aber wir könnten natürlich auch von ihren Vorzügen und Werten abhängen.

Andrej Tarkowskij, "Die versiegelte Zeit" ("Sapetschatljonnoe Wremja"), 1984



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