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Hier beschreibt ein Wirtschaftsprofessor, welche Folgen es haben kann, die Universität einmal für kurze Zeit zu verlassen. Nicht etwa, um in die Wirtschaft zu gehen, sondern unters Volk. Es ist eine Geschichte, die mich sehr beeindruckt hat, weshalb ich ihre wichtigsten Teile hier abgeschrieben habe.
Ich machte mich also auf, in Jobra Familien aufzusuchen, um herauszufinden, inwiefern ich ihnen konkret helfen konnte. Gewöhnlich begleitete mich mein Kollege Professor Latifee dabei. Die meisten Familien kannte er nämlich persönlich, und er wußte am besten, wie man die Dorfbewohner ansprechen mußte. Jobra war in drei Wohngebiete aufgeteilt, eins für Moslems, eins für Hindus und eins für Buddhisten. Wenn wir einen Besuch im buddhistischen Wohnviertel machten, nahmen wir unseren Studenten Dipal Chandra Barua mit; er entstammte einer armen buddhistischen Familie aus Jobra und zeigte sich immer hilfsbereit. Eines Tages stießen Latifee und ich auf ein völlig verfallenes Haus, vor dem eine Frau gerade Bambusrohr zurechtschnitt, um daraus einen Hocker zu bauen. Wir mußten nicht erst underse Phantasie bemühen, um uns vorzustellen, daß ihre Familie nur mit größter Mühe über die Runden kam. Wie heißen Sie? fragte ich. Sufia Begum. Wie alt sind sie? 21. Gehört Ihnen dieser Bambus hier? Ja. Wie beschaffen Sie sich den? Ich kaufe ihn. Wieviel bezahlen sie dafür? Fünf Taka. (Damals der Gegenwert von 22 Cent.) Haben Sie diese fünf Taka? Nein, die leihe ich mir von den paikari. Von den Zwischenhändlern? Was handeln Sie mit denen aus? Am Ende des Tages muß ich ihnen meine Bambushocker verkaufen, um das Darlehen zurückzuzahlen. Was übrigbleibt ist mein Gewinn. Wieviel bringt Ihnen das ein? Fünf Taka und 50 Paisa. Sie machen also einen Gewinn von 50 Paisa. Sie nickte. Dies entsprach genau zwei Cent. Könnten Sie sich das Geld denn nicht anderswo leihen und das Material selbst kaufen? Schon, aber der Geldverleiher würde noch viel mehr von mir verlangen. Die Leute, die sich mit ihnen abgeben, werden nur noch ärmer. Wieviel nimmt der Geldverleiher? Das hängt davon ab. Manchmal verlangt er zehn Prozent pro Woche. Einer meiner Nachbarn muß sogar zehn Prozent pro Tag zahlen. Sie verdienen also an einem Arbeitstag nicht mehr als 50 Paisa? Ja, an guten Tagen. Sie verdiente demnach zwei Cent täglich. Diese Information erschütterte mich. In meinen Vorlesungen warf ich mit Beträgen in Höhe von Millionen Dollar um mich, und hier, vor meinen Augen, ging es bei der Frage nach Leben oder Tod um ein paar Pfennige. Irgend etwas stimmte hier nicht. Weshalb gaben die Kurse, die ich an der Universität abhielt, nicht die Wirklichkeit des Lebens wieder? Ich war wütend auf mich selbst und auf eine so hartherzige, unbarmherzige Welt. Es gab nicht den geringsten Hoffnungsstreif am Horizont, nicht den Hauch einer Lösung. Wenngleich Sufia Begum nicht lesen und schreiben konnte, so verfügte sie dennoch über nützliche Fertigkeiten. Die einfache Tatsache, lebendig zu sein und mir gegenüber zu sitzen, zu atmen und Tag für Tag ruhig gegen die Not anzukämpfen, bewies zweifelsfrei, daß sie eine nützliche Fähigkeit besaß - die Fähigkeit zu überleben. Die Armut ist so alt wie die Welt. Sufia hatte keine Aussicht, ihre wirtschaftliche Lage zu verbessern. Warum nicht? Ich war nicht fähig, diese Frage zu beantworten. Von Kindheit an sind wir daran gewöhnt, in unserer Umgebung Arme zu sehen, und wir haben uns nie gefragt, weshalb sie arm sind. Im herrschenden Wirtschaftssystem war Sufias Einkommen dermaßen gering, daß sie nie auch nur das kleinste Geldstück zur seite legen, es investieren und sich wirtschaftlich entfalten konnte. Es wäre mir nie eingefallen, daß jemand in größter Not lebt, nur weil ihm fünf Taka fehlen. Das kam mir unmöglich, ja sogar lächerlich vor. Sollte ich diese geringfügige Summe, die Sufia benötigte, vielleicht aus meiner eigenen Tasche bezahlen? Das war so einfach, so leicht. Weshalb haben meine Universität und meine Fakultät, weshalb haben alle Wirtschaftsfakultäten dieser Welt und die zahllosen intelligenten Wirtschaftsprofessoren bisher nicht versucht, diese Leute zu begreifen und denen zu Hilfe zu kommen, die es am meisten nötig haben? Ich widerstand meinem Drang, Sufia das Geld zu geben, das sie brauchte. Sie wollte keine milde Gabe. Außerdem wäre das auch keine endgültige Lösung gewesen. Am nächsten Morgen ließ ich Maimuna zu mir komen, eine Studentin, die für mich Informationen sammelte. Ich bat sie, eine Liste all jener Bewohner in Jobra aufzustellen, die wie Sufia ein Darlehen bei einem Zwischenhändler aufnahmen und auf diese Weise um die früchte ihrer Arbeit gebracht wurden. Eine Woche später übergab Maimuna mir eine Liste mit 42 Namen von Personen, die insgesamt 856 Taka an Darlehen aufgenommen hatten. Mein Gott, rief ich aus, all das Elend in diesen 42 Familien nur, weil ihnen der Gegenwert von 27 Dollar fehlt! Maimuna stand da und schwieg. Angesichts eines solchen unsinnigen Zustands waren wir beide verblüfft, schockiert, ja, angewidert. Es kam nun darauf an, Mittel und Wege zu finden, um diesen 42 fleißigen und gesunden Personen zu helfen. Wie ein Hund, der mit seinem Knochen herumspielt, wälzte ich dieses Problem in Gedanken unablässig hin und her. Wenn ich ihnen 27 Dollar leihen würde, dann stände es diesen Menschen frei, ihre Produkte an gleich wen zu verkaufen, und sie würden korrekt für ihre Arbeit entlohnt, ohne daß die gezwungen wären, zu Wucherern Zuflucht zu nehmen. Ich hatte mich entschieden: Ich wollte ihnen die fehlenden 27 Dollar leihen, und sie würden sie an mich zurückzahlen, wenn sie dazu in der Lage wären. Ich gab Maimuna die 27 Dollar und sagte: Hier, nimm das. Leihe den 42 Personen auf unserer Liste dieses Geld. Dann können alle die Zwischenhändler auszahlen und ihre Produkte dort verkaufen, wo man ihnen einen besseren preis bietet. Wann müssen sie es zurückzahlen? Dann, wenn sie es können. Dann, wenn es für sie vorteilhaft ist, ihre Produkte zu verkaufen. Sie brauchen mir keinen Zins zu zahlen, denn ich bin kein Wucherer. Maimuna machte sich auf de Weg und wunderte sich nicht wenig über die Wendung, die das Geschehen genommen hatte. Gewöhnlich schlief ich abends innerhalb von Sekunden ein, sobald ich meinen Kopf auf mein Kissen gebettet hatte. Aber in jener Nacht konnte ich nicht einschlafen, weil ich mich schämte, einer Gesellschaft anzugehören, die nicht einmal in der Lage war, 42 Menschen 27 Dollar zu leihen, damit sie überleben konnten. In der Woche darauf wurde mir plötzlich bewußt, daß das, was ich getan hatte, längst nicht ausreichte. Es war meine persönliche Lösung, die einer rein gefühlsmäßigen Logik folgte. Ich hatte mich damit zufrieden gegeben, 27 Dollar zu verleihen, wo es doch vielmehr darauf angekommen wäre, eine institutionelle Lösung zu finden. Ich beschloß, mit dem Direktor der örtlichen Bank zu sprechen, damit er den Armen Geld lieh. Man mußte eine Institution nur so weit bringen, daß diese einwilligte, Armen und Besitzlosen einen Kredit zu geben. Das war ein klares, einfaches Anliegen. Die Regierungsbank Janata ist eine der wichtigsten Banken unseres Landes. Ihre Zweigstelle in Jobra befindet sich genau gegenüber dem Eingang der Universität, auf der linken Seite, zwischen einer Reihe winziger Läden, Stände und Restaurants, wo die Dorfbewohner den Studenten sowohl Betelnüsse und ganze Mahlzeiten als auch Papier und Schreibstifte verkaufen. Hier ist auch die Sammelstelle der Rikschafahrer, wenn sie nicht gerade Studenten vom Hügel zu den Unterrichtsräumen fahren. Die Zweigstelle der Bank ist in einem einzigen quadratischen Raum untergebracht. Die beiden Fenster zur Straßenseite sind vergittert. Die Wände sind dunkelgrün gestrichen, doch stellenweise blättert die billige Farbe ab. Der Kassenschalter befindet sich rechts vom Eingang. Im übrigen Raum stehen Tische und Holzstühle. Der Leiter der Bank sitzt hinten links unter einem Deckenventilator. Ich gehe schnurstracks auf seinen Schreibtisch zu. Er begrüßt mich höflich und bittet mich, Platz zu nehmen. Was kann ich für Sie tun? Der Bürodiener bringt uns Tee und Gebäck. Ich erläutere den Zweck meines Besuchs. Ich möchte, daß Sie den Armen in Jobra Geld leihen. Die benötigten Summen sind winzig. Ich habe es sogar schon selbst gemacht und 42 Menschen alles in allem 27 Dollar geliehen. Doch auch zahlreiche andere Unbemittelte benötigen Geld, um ihre Arbeit fortführen und Rohmaterial und Vorräte einkaufen zu können. Was für Material? Der Filialleiter macht einen argwöhnischen Eindruck, als hätte ich ihm die Regeln eines neuen Spiels erklärt, das er noch nicht recht begreift. Aus Respekt meinem Rang als Fakultätsleiter gegenüber läßt er mich weiterreden, doch erkenne ich deutlich, daß er überfordert ist. Einige von ihnen stellen Bambushocker her, andere wieder weben Matten oder fahren Rikscha ... Wenn sie sich bei einer Bank Geld zum üblichen Zins leihen könnten, könnten sie ihre Produkte auf dem freien Markt verkaufen und einen angemessenen Gewinn erzielen, der ihre Lebenshaltungskosten abdecken würde. Das bezweifle ich nicht. So wie die Lage der Dinge derzeit ist, sind sie für den Resz ihrer Tage zur Zwangsarbeit verurteilt, und es wird ihnen nie gelingen, sich vom joch der Paikari, der Zwischenhändler, zu befreien, die im Augenblick nur gewillt sind, ihnen einen Kredit zu Wucherzinsen zu gewähren. Ja, ich kenne das Problem der Geldverleiher. Ich bin heute zu Ihnen gekommen, weil ich möchte, daß Sie diesen Leuten Geld leihen. Dem Filialleiter verschlägt es zunächst die Sprache, dann beginnt er zu lachen. Das kann ich nicht. Warum nicht? Hören Sie, stammelt er, denn er weiß nicht, welchen Einwand er zuerst vorbringen soll, die erforderliche Geldsumme von geringer Höhe, die Sie erwähnt haben, würde nicht einmal die Bearbeitungskosten für den Antrag abdecken, den diese Leute ausfüllen müßten. Und die Bank wird ihre Zeit nicht mit so lächerlich geringen Summen vergeuden. Lächerlich, sagen Sie? Für die Armen geht es hier um bedeutende Summen. Das sind Leute, die weder lesen noch schreiben können, also nicht einmal unsere Formulare ausfüllen können. In einem Land mit 75 Prozent Analphabeten ist die Forderung nach dem Ausfüllen von Formularen lächerlich. Sämtliche Banken in unserem Land sind an diese Regel gebunden. Das läßt doch tief blicken, oder etwa nicht? Selbst wenn ein Kunde von uns Geld auf sein eigenes Konto einzahlen möchte, bitten wir ihn, die einzuzahlende Summe auf ein Stück Papier zu schreiben. Warum? Was meinen Sie mit ´Warum´? Ich will damit sagen: Wie kommt es, daß eine Bank sich nicht damit zufriedengeben kann, das Geld anzunehmen und eine Einzahlungsquittung über den Betrag auszustellen? Weshalb muß dies der Kunde und nicht der Bankangestellte erledigen? Aber wie soll denn eine Bank mit Leuten funktionieren, die weder lesen noch schreiben können? Ganz einfach: Die Bank stellt eine Quittung über den Eingang von Barmitteln aus, die sie entgegennimmt. Und was geschieht, wenn jemand Geld abheben möchte? Das weiß ich nicht ... Das muß auch nicht kompliziert sein. Der Kunde geht mit seinem Auszahlungsformular an den Schalter, und der Bankangestellte zahlt ihm das Geld aus. Die Buchführung bleibt eine Angelegenheit der Bank. Der Filialleiter schüttelt ermattet den Kopf. Mir scheint, setze ich hinzu, daß ihr Banksystem darauf abziehlt, die Analphabeten zu diskriminieren. Herr Professor, eine Bank funktioniert nicht so einfach, wie Sie sich das vorstellen. Mag ja sein, aber ich bin mir sicher, daß es wiederum auch nicht so kompliziert ist, wie Sie es hier darstellen. Hören Sie, Tatsache ist doch, daß ein Kreditnehmer in gleich welcher Bank, gleich wo auf der Welt Formulare ausfüllen muß. Richtig, aber ich kann einige meiner Studenten damit beauftragen, die Formulare stellvertretend auszufüllen; das dürfte unproblematisch sein. Sie verstehen nicht: Wir können an Unbemittelte auf keinen Fall Kredite vergeben. Und warum nicht? Ich versuche höflich zu bleiben. Unsere Unterhaltung hat etwas Unwirkliches an sich. Der Zweigstellenleiter lächelt, als wolle er andeuten, er habe begriffen, daß ich mich über ihn lustig machen wolle. Die Unterredung ist zwar nicht ohne komische oder vielmehr absurde Seiten, doch ich sehe ihn mit dem gebotenen Ernst an. Sie bieten keinerlei Sicherheiten, läßt er schließlich vernehmen und mag sich wohl fragen, ob ich wirklich dumm bin oder lediglich so tue. Jedenfalls ist ihm anzusehen, daß er unser Gespräch beenden möchte. Weshalb brauchen Sie eine Sicherheit, wenn Sie Ihr Geld zurückerhalten? Darauf kommt es Ihnen doch an, oder? Ja, wir wollen unser Geld wiedersehen, aber wir verlangen auch eine Sicherheit. Das ist unsere Garantie. Das ist völlig absurd. Die Ärmsten unter den Armen arbeiten zwölf Stunden am Tag. Sie müssen ihre Produkte verkaufen und ein Einkommen erwirtschaften, um sich ernähren zu können. Sie haben keinen Grund, Ihnen Ihr Geld nicht zurückzuzahlen, vor allem dann nicht, wenn sie einen weiteren Kredit beantragen wollen, um noch einen Tag länger zu leben! Eine bessere Garantie als deren Leben können Sie gar nicht bekommen! Sie sind ein Idealist, Herr Professor, sagt der Leiter mit einem tiefen Seufzer, Sie verbringen zuviel Zeit mit Ihren Büchern. Wenn Sie sicher sein können, daß der Kredit getilgt wird, wozu brauchen Sie dann noch eine Garantie? So sind nun mal bei uns die Regeln. Dann können sich demnach nur jene Geld leihen, die eine Garantie geben? Ja. Das ist eine dumme Regel, die dazu führt, daß nur den Reichen Geld geliehen wird. Ich schreibe schließlich nicht die Regeln vor, sondern die Bank. Na, dann müssen die Regeln eben geändert werden. Jedenfalls verleihen wir in unserer Zweigstelle kein Geld. Ach, wirklich nicht? Nein, wir nehmen nur Einzahlungen für die Konten der Professoren und die der Universität entgegen. Funktionieren die Banken eigentlich nicht hauptsächlich dank des Geldverleihs? Nur die Zentrale unserer Bank. Unsere Zweigstelle hier verwaltet lediglich die Konten der Universität und der Angestellten. Wollen Sie damit sagen, daß, wenn ich Sie aufsuchen würde, um einen Kredit bei Ihnen zu beantragen, Sie ihn mir nicht bewilligen würden? Genau das, erwidert er feixend. Offensichtlich hat sich der Zweigstellenleiter lange nicht mehr so köstlich amüsiert. Wenn ich also meinen Studenten beibringe, daß die Banken vor allem geld verleihen, dann stimmt das nicht? Tatsächlich müssen Sie sich für einen Kredit an unsere Zentrale wenden, und ich weiß nicht, wie die entscheiden würde. Offenbar muß ich mich an Ihre Vorgesetzten wenden. Ja, das wäre eine gute Idee. Während ich meinen Tee zu Ende trinke und mich zu gehen anschicke, sagt der Zweigstellenleiter noch zu mir: Ich weiß, daß Sie nicht aufgeben werden. Doch nach allem, was ich über die Arbeitsweise der Banken weiß, kann ich Ihnen nur sagen, daß dieses Projekt nie verwirklicht werden wird. Zwei Tage darauf suche ich Mr. Howladar, den Regionalmanager der Janata-Bank, in seinem Büro in Chittagong auf. Ich erkläre ihm, was ich vorhabe, und unser Gespräch gleicht jenem, das ich bereits mit dem Zweigstellenleiter in Jobra geführt habe. Außer den bereits vernommenen Einwänden werden mir noch einige weitere Punkte in der Bankenordnung genannt, die mit meinem Vorhaben unvereinbar sind. In den nachfolgenden Jahren habe ich viel über die Ansichten der Menschen über die Armen gelernt. Im folgenden führe ich die Klischees und Mythen über die Armen auf, die mir von Menschen entgegengehalten wurden, die nie mit Armen zusammengearbeitet haben, sich aber dennoch mit der allergrößten Sicherheit über sie äußern: - Die Armen müssen erst einmal eine Ausbildung absolvieren, bevor sie sich an eine einkommenssichernde Tätigkeit heranwagen können. - Ein Kredit allein hilft ihnen auch nicht, sondern er nuß von Maßnahmen auf dem Gebiet der Ausbildung, des Marketings, des Transports, der Technologie und der Erziehung begleitet werden. - Die Armen können nicht sparen. - Die Armen haben die Angewohnheit, alles zu konsumieren, was ihnen in die Hände gerät, weil ihr Konsumbedürfnis so dringend ist. - Die Armen können nicht zusammenarbeiten. - Die chronische Armut hat katastrophale Auswirkungen auf das Denken und die Sehnsüchte der Armen. Sie ähneln einem lebenslang eingesperrten Vogel, der sich wegzufliegen scheut, wenn man ihm die Käfigtür öffnet. - Die armen Frauen besitzen keinerlei Fähigkeiten. Es ist also sinnlos, Hilfsprogramme für sie auszuarbeiten. - Die Armen sind zu ausgehungert und verzweifelt, um vernünftige Entscheidungen treffen zu können. - Die Armen haben eine äußerst beschränkte Lebensauffassung und sind nicht daran interessiert, ihre Lage zu verbessern. - Die Armen (insbesondere die Frauen) stehen so sehr im Bann von Religion und Tradition, daß sie sich um keinen Zentimeter vorwärtsbewegen. - Die Machtstrukturen im ländlichen Bereich sind zu stark und zu tief verwurzelt, als daß ein Erfolg eines solchen Kreditprogramms möglich wäre. - Ein Kredit für Arme ist konterrevolutionär. Er erstickt den revolutionären Elan der Armen und veranlaßt sie, den Status quo zu akzeptieren. - Der Kredit ist eine raffinierte Art, die Armen dazu zu bringen, sich gegen die Reichen zu verbünden und die bestehende gesellschaftliche Ordnung zu zerschlagen. - Mag sein, dass ein Kredit vorübergehend hilft, aber langfristig bewirkt er nichts, und er kann auch nicht zu einer gerechten Neustrukturierung der Gesellschaft beitragen. Die Liste dieser Mythen und Halbwahrheiten, die man heutzutage auf der ganzen Welt vernimmt, ließe sich beliebig verlängern. Einige dieser Äußerungen stützen sich auf einzelne richtige Details, andere wiederum sind einfach an den Haaren herbeigezogen, doch alle schießen weit über ihr Ziel hinaus. Zahlreiche Argumente treffen ebensogut auf Reiche wie auf Arme zu, gleichgültig, ob es sich dabei um die Landwirtschaft, den Handel oder die Industrie handelt. Die Stichhaltigkeit der vorgebrachten Kritik hängt davon ab, wie ein Kreditprogramm verwaltet wird, also vom Zuteilungsverfahren der Gelder, den Rückzahlungsmodalitäten und der Organisation der Rückzahlung. Dennoch werden einige dieser Mythen (wie der Zwang zur Sicherheit) ohne weitere Diskussion akzeptiert. Die Gesellschaften haben Einrichtungen und Verhaltensregeln geschaffen, die auf diesen Mythen beruhen und für einen bedeutenden Teil der Bevölkerung zu unüberwindlichen Barrieren werden, während sie einem anderen Bevölkerungsteil ungerechtfertigte Privilegien einräumen. Im Laufe unseres Gesprächs im Regionalbüro der Janata-Bank in Chittagong sagt Mr. Howladar zu mir: Die Regierungen sind dazu da, den Bedürftigsten zu helfen. Wenn Sie eine vermögende Person aus dem Dorf finden, die sich bereit erklärt, als Bürge für den Kreditnehmer aufzutreten, so glaube ich, daß die Bank einen Kredit ohne Sicherheit bewilligen könnte. Ich denke nach. Der Vorschlag wirkt auf den ersten Blick überzeugend, aber die Nachteile überwiegen. Das kann ich nicht machen. Wie soll ich den Bürgen daran hindern, die Person, für die er bürgt, nicht zu übervorteilen? Er könnte schließlich sogar den Kreditnehmer als seinen Sklaven betrachten. Keine Reaktion. Die Diskussionen, die ich in letzter Zeit mit Bankleuten hatte, machen eindringlich deutlich, daß ich mich nicht nur gegen die Janata-Bank, sondern gegen die Bankenordnung an sich stelle. ich könnte doch als Bürge auftreten, oder? Sie? Ja. Wären Sie damit einverstanden, daß ich für die Kredite bürge? Der Regionalmanager lächelt. Um welche Summe geht es denn dabei? Um mir einen Sicherheitsspielraum und eine Ausbaumöglichkeit zu gönnen, antworte ich: Um höchstens 10.000 Taka (etwa 250 Dollar), nehme ich an. Gut. Er durchsucht seine Papiere auf dem Schreibtisch und schüttelt den Kopf. Hinter ihm sehe ich verstaubte Stöße von gebundenen Formularen. Die senkrechten Stapel bestehen aus riesigen, krummen Türmen blaßblauer Aktenordner, die bis zur Fensterbank reichen. Die Deckenventilatoren wirbeln die Luft auf, so daß jedes Blatt ohne Briefbeschwerer davongetragen wird. Auf dem Schreibtisch flattern die Dokumente im Luftzug, doch sie sind solide verankert und warten auf seine Entscheidung. Gut. Wir sind damit einverstanden, daß Sie bis zur Höhe dieser Summe bürgen, aber richten Sie sich darauf ein, nicht mehr zu verlangen. Abgemacht. Wir schütteln uns die Hand. Dann setze ich noch hinzu: Aber wenn einer der Kreditnehmer nicht zurückzahlt, komme ich nicht für die ausstehende Schuldsumme auf. Beunruhigt sieht mich der Regionalmanager an und fragt sich, weshalb ich die Dinge wohl so kompliziert mache. Als Bürgen könnten wir Sie zur Zahlung zwingen. Wie das? Indem wir Sie vor Gericht verklagen. Einverstanden. Das möchte ich gern erleben. Er sieht mich an, als sei ich verückt geworden. Das ist mir gerade recht, denn ich will in dieses ungerechte, verückte System ein wenig Panik säen. Ich möchte das Sandkorn sein, das diese Teufelsmaschine am Funktionieren hindert. Wenn ich auch als Bürge auftrete, so werde ich doch für nichts garantieren. Professor Yunus, Sie wissen sehr wohl, daß wir einen Dekan nicht vor Gericht zitieren werden, der als persönlicher Bürge für einen Bettler auftritt, der sich von uns Geld leiht. Die eingetriebene Geldsumme würde uns nicht für den entstandenen Imageverlust entschädigen. Jedenfalls beläuft sich der Kredit auf solch eine lächerliche Summe, daß sie weder die Gerichtskosten noch den für das Eintreiben des Geldes nötigen Verwaltungsaufwand abdecken würde. Sie sind eine Bank und müssen Ihre eigene Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellen. Aber im Fall des Zahlungverzugs eines Kreditnehmers stehe ich nicht gerade. Sie machen die Dinge schwer für mich, Professor Yunus. Ich bedaure, aber die Bank macht vielen Leuten die Dinge schwer; inbesondere jenen, die nichts besitzen. Ich versuche zu helfen, Herr Professor. Ich weiß, und ich gebe auch nicht Ihnen sie Schuld. Es sind die Vorschriften Ihrer Bank, mit denen ich meine Probleme habe. Nach einigem Hin und Her meint Mr. Howladar schließlich: Ich werde Ihren Vorschlag der Zentrale in Dhaka übermitteln, und dann werden wir sehen, wie man dort entscheidet. Aber ich dachte, daß Sie als Regionalmanager dazu bevollmächtigt sind, hierüber selbst zu entscheiden. Das stimmt. Aber diese Angelegenheit ist viel zu unorthodox, als daß ich sie allein entscheiden kann. Ich brauche die Genehmigung meiner Vorgesetzten. Der Kredit wurde erst nach sechs Monaten und einem regen Briefwechsel bewilligt. Im Dezember 1976 schließlich gelang mir die Freistellung eines Kredits der Janata-Bank, der unter den Armen von Jobra aufgeteilt werden konnte. Damit hat alles angefangen. Ich hatte nicht die Absicht, zum Geldverleiher zu werden, sondern wollte lediglich ein akutes Problem in meiner Nachbarschaft lösen. Wir wußten ganz und gar nicht, wie man eine Bank für die Armen führt; wir mußten alles lernen. Im Januar 1977, zur Zeit unserer Anfänge, analysierte ich, wie die anderen Geldinstitute geführt wurden, und lernte aus ihren Fehlern. Die traditionellen Banken und Kreditgenossenschaften verlangten stets die Rückzahlung der gesamten Kreditsumme auf einen Schlag. Die Verpflichtung, am Ende der Kreditlaufzeit eine einzige Überweisung zu tätigen, läßt die Zahlungsmoral eines Kreditnehmers nicht gerade steigen. Er versucht diesen Termin so weit wie möglich hinauszuzögern, wodurch er die auflaufenden Schulden noch erhöht. Zu guter Letzt beschließt er vielleicht sogar, sie überhaupt nicht zurückzuzahlen. Ich hatte mich entschlossen, ganz anders vorzugehen: Die Rückzahlungsraten sollten so gering sein, daß der Kreditnehmer den Geldabfluß nicht einmal richtig bemerkt. Dadurch wollte ich die psychologische Blockade überwinden helfen, die entsteht, wenn man sich von so viel Geld trennen soll. Wöchentliche Einzahlungen waren mir da lieber. Sie würden uns auch die Kontrolle sehr erleichtern, und ich konnte zugleich erfahren, wer pünktlich zurückzahlte und wer mit seinen Zahlungen in Verzug geriet. Außerdem konnten sich auf diese Weise Personen, die sich noch nie zuvor in ihrem Leben Geld geliehen hatten, eine gewisse Disziplin aneignen und dabei erfahren, wie leicht es ihnen fiel, den Kredit zurückzuzahlen. Je mehr ich mit meinem Projekt voran kam, um so mehr gewann ich die Gewißheit, daß ein an Frauen vergebener Kredit viel schneller zu Veränderungen führte als ein an Männer vergebener. Armut ist in Bangladesch für jedermann hart, aber sie ist immer noch etwas härter, wenn man dem weiblichen Geschlecht angehört. Und sobald die Frauen auch nur die allerbescheidenste Möglichkeit erkennen, sich aus der Armut zu befreien, erweisen sie sich als kämpferischer als die Männer. Überdies besitzen die Männer eine völlig andere Wertehierarchie als die Frauen, bei denen die Kinder an erster Stelle stehen. Wenn ein im Elend lebender Vater sein Einkommen steigert, kümmert er sich zuallererst um sich selbst. Wenn eine arme Mutter beginnt, etwas Geld zu verdienen, so verwendet sie ihr Einkommen zuerst für ihre Kinder. Danach kommt das Haus an die Reihe: Sie erwirbt einige Utensilien, läßt das Dach ausbessern und verbessert die Lebensumstände der Familie. Allmählich haben wir uns deshalb bei der Kreditvergabe fast ausschließlich auf die Familienmütter konzentriert. Das bereitete uns erhebliche Schwierigkeiten. Zuerst sind wir auf einen beträchtlichen Widerstand seitens der Männer gestoßen, danach auf den der Mullahs, schließlich auf den der kommerziellen Geldverleiher und sogar auf den der Politiker. Durch meine Reisen in alle Teile der Welt habe ich erfahren, daß dieses Problem nicht allein für Bangladesch charakteristisch ist. Im Rahmen der Entwicklungsplanung werden die Frauen selten als wirtschaftlich Handelnde betrachtet. Ich verstehe nicht, weshalb dies so ist. Nach und nach bauten wir unser eigenes Leistungs- und Forderungssystem auf, und selbstverständlich machten wir unzählige Fehler. Wir mußten uns zu vielen Änderungen und Anpassungen durchringen. So entdeckten wir, wie wichtig es für den Erfolg unserer Aktionen war, daß sich die Kreditnehmer in Gruppen zusammenfanden. Allein fühlen sich die Armen nämlich Gefahren aller Art ausgesetzt. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe dagegen vermittelt ihnen ein Gefühl der Sicherheit. Ein einzelner Mensch neigt zudem dazu, sich unberechenbar und schwankend zu verhalten. Durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe dagegen profitiert er von dem internen Zusammenhalt aller, und der auf ihn ausgeübte Gruppenzwang läßt sein Verhalten kalkulierbarer und in puncto Kreditrückzahlung zuverlässiger werden. Der Wettbewerb, der sich innerhalb einer Gruppe wie auch zwischen verschiedenen Gruppen entwickelt, treibt jeden dazu an, sein Bestes zu geben. Es ist schwierig, die einzelnen Kreditnehmer zu kontrollieren. Dies fällt erheblich leichter, wenn sie Mitglied in einer Gruppe sind. Überträgt man daher die Kontrollfunktion auf die Gruppe, so veringert man die Arbeit der Bankangestellten und erhöht die Selbständigkeit der Gruppe. Die Gruppendynamik ist wichtig: Weil die Gruppe den Kreditantrag jedes ihrer Mitglieder befürworten muß, fühlt sie sich für diesen Kredit auch moralisch verantwortlich. Wenn daher eines der Gruppenmitglieder in Schwierigkeiten gerät, versucht die Gruppe normalerweise, dem Mitglied bei der Überwindung der aufgetauchten Probleme zu helfen. Die Kredite werden Einzelpersonen bewilligt. Obwohl ein Teil der Verantwortung der Gruppe übertragen wird, ist natürlich jeder Kreditnehmer für seinen Kredit selbst verantwortlich. Jeder, der einen Kredit beantragt, ist aber gehalten, eine Gruppe von Personen außerhalb seiner Familie zu bilden, die dieselben Ansichten und denselben wirtschaftlichen und sozialen Hintergrund haben. Wir ziehen es vor, daß eine Gruppe ohne unser Zutun zustande kommt, da ihre Solidarität viel stärker ist, wenn sie aus eigenem Antrieb heraus gebildet wird. Doch es ist nicht ganz einfach, eine Gruppe zu gründen: Eine potentielle Kreditnehmerin muß zunächst eine zweite Person (außerhalb ihrer Familie) finden und ihr erklären, wie die Bank funktioniert, und sie davon überzeugen, dem Projekt beizutreten. Wenn die Dorfbewohner noch nicht mit dem Konzept der Grameen-Bank vertraut sind, so ist dies eine schwierige Aufgabe. Im allgemeinen muß die erste Frau mehrere ihrer Freundinnen aufsuchen, die zunächst entsetzt sind oder alle möglichen Ausreden finden, um das Ansinnen abzulehnen, oder die nicht die Erlaubnis ihres Ehemannes erhalten oder sich ganz einfach nicht mit dem Gedanken anfreunden können, irgend jemandem Geld zu schulden. Doch schließlich findet sich eine Freundin, die davon gehört hat, daß die Grameen-Bank einer Familie gute Dienste erwiesen hat, und die sagt: Einverstanden. Ich schlafe mal eine Nacht darüber. Komm morgen wieder vorbei. Danach machen sich die beiden daran, ein drittes und ein viertes und ein fünftes Mitglied aufzutreiben. Hat sich endlich eine Gruppe gebildet, so ist es nicht ausgeschlossen, daß eines der fünf Mitglieder zurücktritt und sagt: Nein, mein Mann hat es sich anders überlegt. Er läßt mich doch nicht mitmachen. Dann besteht die Gruppe nur noch aus vier, drei oder nur noch aus einem Mitglied, und die ganze Überzeugungsarbeit muß wieder von vorn beginnen. Unsere potentiellen Kreditnehmer müssen Kurse besuchen, damit sie genau verstehen, wie unsere Bank funktioniert. Da die meisten unter ihnen weder lesen noch schreiben können, gibt es keine schriftliche Prüfung; dafür müssen sie nachweisen, daß sie wissen, wovon sie sprechen. Wenn ein potentieller Kreditnehmer keine zufriedenstellenden Antworten gibt, so bittet der oder die Bankangestellte die Gruppe, sich erneut mit dem Lernstoff zu befassen. Durch diesen Auslesevorgang haben wir die Gewißheit, daß nur den Verzweifeltsten und Hartnäckigsten der Zutritt zu Grameen gelingt. Zwischen dem Zeitpunkt der Gründung einer Gruppe und ihrer Anerkennung seitens des Bankprojekts können mehrere Wochen bis Monate vergehen. Die Mitglieder müssen, wie gesagt, zuerst an einer Schulung teilnehmen, damit sie unsere Regeln kennenlernen. Haben sie ihre Kenntnisse über unsere Arbeitsweise nachgewiesen und sind sie als Gruppe anerkannt worden, so nehmen sie etwa einen Monat lang an den wöchentlichen Versammlungen teil. Dann kommt schließlich der Tag, da ein Gruppenmitglied einen Kredit beantragt. Gewöhnlich beläuft sich das erste Darlehen auf 12 oder 15 Dollar, was für die Kreditnehmerinnen schon sehr viel ist. Zunächst beschränken wir den Kredit auf zwei Gruppenmitglieder. Falls diese in den sechs folgenden Wochen ihren Rückzahlungsverpflichtungen nachkommen, können zwei weitere Mitglieder einen Kredit beantragen. Die Gruppenverantwortliche erhält als letzte einen Kredit. Wenn eine Frau, die sich zuvor noch nie Geld geliehen hat, ihre erste Rate zurückzahlt, so ist ihr Glück immens, denn sie aht sich als fähig erwiesen, genug Geld zu verdienen, um ihre Schulden zurückzuzahlen. Danach werden die zweite und die dritte Rate bezahlt. Das ist eine außergewöhnliche Erfahrung für sie: Sie entdeckt das Ausmaß ihrer Fähigkeiten und strömt über vor lauter Freude. Es ist eine offensichtliche und ansteckende Freude. Sie entdeckt, daß sie mehr wert ist, als alle Welt von ihr geglaubt hat, und daß in ihr ungeahnte Möglichkeiten schlummern. Wir beschlossen auch, Geldmittel für Notfälle der Kreditnehmer zurückzulegen. Fünf Prozent eines jeden Kreditbetrags fließen automatisch in einen Fonds, den wir Gemeinschaftsfonds nennen. Jedes Gruppenmitglied ist zudem verpflichtet, zwei Taka pro Woche in diesen Fonds einzuzahlen. Wenn eines der Mitglieder seinen Verpflichtungen nicht nachkommt, kann niemand anderes aus der Gruppe einen Kredit erhalten. Wenn eine Person Schwierigkeiten mit den Rückzahlungen hat, suchen die Gruppenmitglieder gemeinsam nach einer Lösung, wie die Verpflichtungen gegenüber der Bank erfüllt werden können. Die Zusammenfassung von bis zu acht Gruppen zu einem Zentrum erwies sich als weiterer Weg, um die Entwicklung von Führungsqualitäten und die Fähigkeit zur Selbsthilfe zu fördern. Diese Zentren treffen sich zu einem festen Termin mit einer oder einem Bankangestellten im Dorf, gewöhnlich frühmorgens, damit sie nicht von ihrer anderweitigen Arbeit abgehalten werden. Während dieser wöchentlichen Versammlungen tätigen die Mitglieder ihre Rückzahlungen sowie ihre Einzahlungen auf ihr Sparkonto, diskutieren über neue Kreditanträge oder über ein anderes wichtiges Thema. Wenn eine Gruppe Probleme mit einem Mitglied hat, das seinen Rückzahlungsverpflichtungen nicht nachkommt, dann kann das Zentrum bei der Erarbeitung einer Lösung des Problems behilflich sein. Der Geldverkehr und die Kreditverhandlungen spielen sich vor aller Augen ab. Dadurch wird die Korruptionsgefahr reduziert und die Gelegenheit für die Mitglieder erhöht, mehr Verantwortung zu übernehmen. Jede Gruppe wählt einen Vorsitzenden und einen Sekretär; das Zentrum einen Leiter sowie einen stellvertretenden Leiter, deren Mandat ein Jahr dauert und die nur einmal wählbar sind. Zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer besteht kein schriftlicher Vertrag. Unsere Beziehungen gründen auf Vertrauen. Der Erfolg oder Mißerfolg der Grameen-Bank wird durch die Tragfähigkeit unserer persönlichen Beziehungen zu unseren Kreditnehmerinnen bestimmt. Wir vertrauen unseren Kundinnen, und die wiederum schenken uns ihr Vertrauen. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Kredit ist Vertrauen. Muhammad Yunus, Vers un monde sans pauvreté, 1997 Die Grameen-Bank ist im Besitz der Kreditnehmer, die derzeit rund 93 Prozent der Anteile besitzen. Die restlichen sieben Prozent sind im Besitz der Regierung von Bangladesch. Die Gesamtzahl der Kreditnehmer entwickelte sich von 70 im Jahr 1977 über 2.000 (1979) und 170.000 (1985) bis zu 2,4 Millionen im Jahr 2002 (davon 95 Prozent Frauen). Seit Gründung der Bank wurden Kredite in Höhe von insgesamt 165,43 Mrd. Taka (2,75 Mrd. EUR) gewährt. 153,28 Mrd. Taka (2,55 Mrd. EUR) wurden bereits zurückgezahlt. Im Zeitraum Oktober 2001 bis September 2002 gewährte die Bank Kredite in Höhe von 15,19 Mrd. Taka (0,25 Mrd. EUR). Die Grameen-Bank verdient 20 Prozent Zinsen bei einjährigen, einkommensfördernden Darlehen und 8 Prozent auf zehnjährige Baukredite. Bis 1997 wurden mit Baukrediten von Grameen 360.000 Häuser errichtet. Seit seiner Gründung konnte die Bank jedes Jahr Gewinn verbuchen, lediglich in den Jahren 1983, 1991 und 1992 gelang dies nicht. Bilanzen werden jährlich veröffentlicht und von zwei international renommierten Wirtschaftsprüfern des Landes geprüft. Die Rückzahlungsquote der Darlehen beträgt 98 Prozent. (www.grameen.com) zurück ins Kaminzimmer |
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